100 Gramm Wodka

Auf Spurensuche in Russland

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Fredy Gareis wächst als Kind von Russlanddeutschen auf – mit vielen offenen Fragen. Und so macht er sich selbst auf, das raue Riesenland im Osten zu erkunden. Drei Monate fährt er mit einem alten Militärjeep, mit dem Zug und per Anhalter quer durch Russland, wandelt auf den Spuren seiner Familie, setzt das Puzzle seiner Kindheit zusammen, übersteht Wodkaexzesse, macht hinreißende Zufallsbekanntschaften und versucht nebenbei zu ergründen, wie die Menschen im Land von Putin wirklich denken und fühlen.

 

 

„Ein hinreißendes Buch!“
Dresdner Neueste Nachrichten

 

„Er zeigt dem Leser Russland mit all seinen Facetten, mit pulsierenden Großstädten und öden Steppen, mit herzlichen Menschen, aber auch mit einem misstrauischen Staat, der seine Ohren scheinbar überall hat.“
Gießener Allgemeine

 

„Das Buch kratzt an der Seele. Es nähert sich Russland mit Entdeckerfreude, die aber nicht unbefangen ist.“
Süddeutsche Zeitung

Leseprobe

Der Monitor im Waggon des Sapsan kündigt die baldige Einfahrt im Moskauer Bahnhof an. Die Grüntöne vor dem Fenster weichen dem Grau der Hochhäuser an der Peripherie, und langsam fahren wir in die größte Stadt des Landes ein, von dem einst das Moskauer Reich ausging, dann das Zentrum der slawophilen Bewegung war, die im im Gegensatz zum europäischen St. Petersburg gerade die Unterschiede zum Westen feierte, die Stadt, in der einst die Geschicke der Weltmacht Sowjetunion geschmiedet wurden – und wo ihre Auflösung beschlossen wurde.

 

Während ich mich durch das Gewusel der 11,5-Millionen-Stadt zu drängen versuche, klingt in meinen Ohren immer noch das Lied „Moskau, es läuten die Glocken“ von Oleg Gasmanow, eine Art russischer Grönemeyer für Patrioten, das am Leningrader Bahnhof aus den Boxen dröhnte. Ich versuche, zu diesen Klängen durch die Menschenmassen zu tanzen, aber niemand macht mir Platz, ständig rempelt mich jemand an, und manche kommen mir von hinten so nah, dass ich ihren Atem in meinem Nacken spüre. Ich blicke mich um und sehe steinerne Masken als Gesichter, einige geradezu grimmig, als hätte man ihnen gerade erzählt, Dostojewski und Tolstoi seien eigentlich Deutsche gewesen. Nicht ein einziges Lächeln in Sichtweite, aber ich treibe weiter fort in diesem Menschenmeer, und die Wellen stoßen mich durch die Straßen, bis mich die Strömung nach unten zieht und ich in abhangsteilen Tunneln immer tiefer in den Bauch Moskaus rutsche, in dem es warm wie in einer Waschküche ist.

 

In der U-Bahn stadtauswärts sitzen die Moskauer dicht gedrängt wie Sardinen und beugen die Köpfe über ihre Smartphones. In der Ecke des Waggons liegt ein Mann im Trainingsanzug neben einer Lache von Erbrochenem. Ich könnte also auch in Berlin oder New York sein, huschten da vor den Fenstern nicht die Stationen vorbei,  von denen viele wahre Tempel sind, eine Huldigung an das große Sowjetreich, gebaut in einer Zeit, als es immer vorwärts ging, als Stalin das historische Moskau niederreißen und mit breiten Straßen und neogotischen Hochhäusern sozialistisch aufpimpen ließ, seine Vision hier so knallhart verfolgte wie Hitler und Speer in Berlin die ihre. Die Stationen erzählen von der Geschichte, natürlich vom Großen Vaterländischen Krieg und vom glücklichen Leben des Homo Sowjeticus zwischen Weizenfeldern und Maschinengewehren.

In einem Vorort spuckt mich dieser Wal auf Schienen aus wie Jona, ich laufe vorbei an einem kleinen Supermarkt und hinein in ein Birkenwäldchen voller fünfstöckiger Häuser, den sogenannten „Krutschkowas“, die Stalins schuhschwingender Nachfolger in einem großangelegten Programm zur Wohnungsreform bauen ließ. Ich klingele an der schweren Metalltür von Gala und Jura und warte auf das Summen, das die allgegenwärtige Magnetsperre aufhebt. Noch sind wir Fremde, nur ein Kontakt über gemeinsame Bekannte in Deutschland, aber bald sitzen wir jeden Abend in der puppenhauskleinen Küche und essen, trinken, diskutieren.

So unfreundlich einem das öffentliche Leben bisweilen vorkommt, so viel wird hinter der verschlossenen Tür gelacht, wenn man sich kennenlernt und kennt.

 

Auf dem Herd brodelt ein Topf Borschtsch, der Dampf steigt aus dem Topf, unter die Decke, breitet sich aus und beschlägt die Fenster. Gedrängt sitzen wir an einem Holztisch – will einer aufs Klo, müssen alle aufstehen. Gala, eine Deutschlehrerin aus der Republik Tschuwaschien, reicht mir einen Teller Suppe. Suppe, wie ich sie jeden Sonntag bei meiner Großmutter bekommen habe. Dazu stehen eine Flasche Wodka und eine Flasche Samagon auf dem Tisch.

„Das ist Selbstgebrannter von meiner Mutter auf dem Land“, erklärt Schenja, der hagere Mitbewohner der beiden. „Niemand macht besseren Schnaps. Außerdem“, fügt er lachend hinzu, „kriegst du davon garantiert keinen Kater!“

 

Ja klar – aber ich bin bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Während Schenja immer noch lacht, vergesse ich die grimmigen Gesichter draußen auf den Straßen. Das Private und das Öffentliche sind in Russland zwei sehr unterschiedliche Welten.

 

Allerdings lachen wir nicht lange, denn im Radio beginnen die Nachrichten mit der Meldung, dass der Rubel seit Jahresbeginn 2014 sieben Prozent gegen den Euro verloren habe. Am Ende meiner Reise werden es bereits 30 Prozent sein. Zwischenzeitlich bricht der Kurs sogar so stark ein, dass in Russland die albtraumhafte Zeit der Inflation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder lebendig wird. Reiseunternehmen machen dicht, und die Regierung hat auf die europäischen Sanktionen mit einem Importstopp von US- und EU-Lebensmitteln reagiert.

Schenja wird das bald zu spüren bekommen, er ist der Geschäftsführer eines Supermarktes. Aber besonders scheint ihn das nicht zu stören. „Wir Russen werden schon einen Ausweg finden. Hier lässt sich immer alles regeln. Wenn wir keinen Parmaschinken bekommen, machen wir ihn halt selbst!“, sagt er und schenkt uns noch mal ein. „Also, jetzt zeige ich dir, wie wir hier trinken.“ Er nimmt ein Stück Hering in die Hand, führt es zur Nase, riecht daran, stürzt das Glas hinunter und schiebt dann den Hering hinterher. „Und jetzt: ausatmen.“

 

Ich mache es ihm nach, mehrmals an diesem Abend, und höre mir gleichzeitig an, wie das Geschäft in seinem Supermarkt funktioniert, wie das ist, wenn ab und zu mal, wie er sagt, „eine Mafia“ vorbeikommt. „Aber wir haben eine bessere Mafia.“ Geschäfte mit der Miliz macht er überhaupt nicht. „Der kann man überhaupt nicht trauen.“ Das sind die Feinheiten des russischen Biznez.

 

Eigentlich will ich nur eine Nacht bei diesen netten Leuten verbringen, mich etwas sammeln, ein paar Telefonate führen und mich dann woanders einquartieren. Schließlich haben sie wenig Platz, und ich will ihre Gastfreundschaft nicht überstrapazieren. Aber als ich erzähle, dass ich couchsurfen will, schlägt die gutmütige Gala die Hände über dem Kopf zusammen und reißt die Augen auf.

 

„Umsonst übernachten? Hier in Moskau? Niemals!“

„Doch, das funktioniert.“

„Aber woher weißt du, was das für Leute sind? Da kann doch jeder kommen und dir eine Pistole an die Schläfe setzen. In Russland wollen alle Geld.“

„Glaubt mir, ich habe das schon oft gemacht.“

„Die Russen sind gierig.“ Gala verzieht ihren Mund. „Jeder versucht, dich zu bescheißen: die Schaffner, die Verkäufer, die Miliz.“

„Vor allem die Miliz“, hebt Schenja hervor. „Lass dich mit denen erst gar nicht auf Gespräche ein“, rät er mir. „Gib einfach hundert Rubel und geh weg. Traue niemandem.“

„Überall gibt es gute Menschen.“

„Aber nicht in Moskau.“

 

Ich sollte also besser nicht erzählen, dass ich vorhabe, mir hier ein Auto zu kaufen. Stattdessen übernehme ich jetzt selbst das Einschenken, aber als ich die Wodkaflasche schon in die Nähe des Glases gebracht habe, gefrieren Schenjas Gesichtszüge. „Mit der Rückhand schenkt nur der Tod ein“ sagt er. Und wenn die Flasche leer ist, muss sie vom Tisch.

 

Mein Abend wird verschwommener, während die Flaschen leerer werden. Obwohl ich mir ständig einen Happen hinterherschiebe – eine Gurke, ein Stück Hering, ein Stück Speck –, spüre ich langsam das „Klare Wasser“, und meine Gedanken geraten ins Schlingern. Aber Schenja hat mir ja einen ebenso klaren Kopf versprochen.

 

Mit den leerer werdenden Flaschen werden wiederum die Trinksprüche länger und elaborierter, und kurz bevor die zweite zur Neige geht, laden mich meine Gastgeber zu einer Hochzeit in ihr Heimatdorf ein. Etwa 1500 Kilometer entfernt, hinter Nischni Nowgorod, in einem Dorf in der Republik Tschuwaschien, das übersetzt den Namen „Rote Armee“ trägt.

 

Ich fasse es nicht. Ist aber in Russland ganz normal. Wer weiß, wie unsere Dörfer wohl heißen würden, hätten die  Nazis – Gott bewahre – den Krieg gewonnen. Während die drei die Vorzüge von „Rote Armee“ preisen, als wären sie beim Tourismusministerium angestellt (die beste Banja! das beste Essen! der beste Schnaps!), werfe ich durch das Fenster einen getrübten Blick in die Ansammlung stelziger Birken und versuche, da draußen den Verlauf meiner Reise zu erspähen.

Zu fortgeschrittener Stunde, als Jura und Gala schon ins Bett gegangen sind – beide müssen in der Früh raus, jeden Tag pendeln sie fast vier Stunden durch das chronisch verstopfte Moskau –, bittet Schenja mich in sein Zimmer. Er verdient umgerechnet 3000 Euro, trotzdem ist der Raum gerade groß genug, um sich darin umzuziehen. Im Schrank hängen drei Anzüge, und auf dem Boden stehen drei Paar Lederschuhe. „Das ist alles, was ich brauche.“ Das restliche Geld gibt er lieber für Frauen aus. Aber er bringe nie eine nach Hause, erzählte Gala. „Hier will ich meine Ruhe haben“, meint er.

 

Dann holt er ein Fotoalbum heraus und zeigt mir die Bilder seiner weit entfernten Heimat. Wie ihm geht es vielen, die nach Moskau gezogen sind, um ihr Glück zu suchen. Mit jedem Bild, das er mir zeigt, wächst die Sehnsucht nach einer Welt, die in der Hauptstadt, im Kopf des Landes nicht zu finden ist und eine Lücke im Herzen hinterlässt.

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