König der Hobos

Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas

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Sie pfeifen auf den amerikanischen Traum und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Getrieben vom Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung reiten die Hobos illegal auf Güterzügen durch das Land, ständig auf der Flucht: vor der Polizei, paranoiden Bürgern – und sich selbst.

 

Dreieinhalb Monate reiste Fredy Gareis mit diesen Überlebenskünstlern durch ein Amerika, das die wenigsten kennen, und erzählt in seiner großen Reportage von einer Paralellwelt voller Gefahren, Tragik und Komik.

 

 

„Was hab ich gelacht. Und geweint. Mich aufgeregt, und mitgefiebert. Konnte einfach nicht anders, als immer noch eine Seite zu lesen und dann noch eine. Ein ganz tolles Buch.“
Amazon Kundenrezension

 

„In König der Hobos berichtet Gareis von einzigartigen Begegnungen, Anfeindungen und dem alles bestimmenden Drang nach Freiheit.“
WDR Cosmo

 

„.Fredy Gareis ist ein genauer und kluger Interpret. Ein ungemein substanzielles Buch. Damit hat er sich endültig in die erste Reihe der Reiseliteraten hierzulange geschrieben. “
Süddeutsche Zeitung

Leseprobe

Shoestring drückte den Zaun nach unten, zwischen den Zähnen ein kaltes frittiertes Kotelett von der letzten Tankstelle am äußersten Rand von Shreveport, Louisiana, ein paar Meilen die dunkle, dampfende Landstraße zurück. Der libanesische Besitzer kannte Shoestring und hatte uns zwei Tüten mit Frittiertem aus der heißen Theke kostenlos als Wegzehrung mitgegeben. Ein Wachmann hatte uns mit einem Zehndollarschein und zwei Flaschen Cola versorgt. Mitnehmen in Richtung Güterbahnhof hatte uns allerdings keiner wollen.

 

Der Zaun sicherte die Zufahrt des Güterbahnhofs der Kansas City Southern Railroad. Hinter den üblichen “Betreten verboten”-Schildern brannte sieben Meilen außerhalb der Stadt Licht in einem Container für die Arbeiter. Daneben standen ein paar Bagger rum, Waggons knallten ineinander.

Shoestring nahm das Kotelett kurz aus dem Mund, drückte den Maschendraht weiter nach unten und sagte: “Los, steig über den Zaun.”

“Aber da ist doch Licht an.”

“Das Licht ist immer an. Und jetzt beeil dich, bevor ein Auto uns von der Straße sieht.”

 

Ich schmiss meinen Rucksack auf das Gelände. Er landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Danach gab mir Shoestring seinen, und ich warf auch den Armeerucksack in Tarnfarben, an dessen Seite eine Machete steckte, hinüber. Shoestrings Rucksack war bestimmt doppelt so schwer wie meiner und stand in starkem Kontrast zu seiner schmalen, fast schon hageren Gestalt. Außerdem schleppte er noch eine Handwerkertasche – liebstes Stück seiner geringen Habe, in deren Außentaschen eine ganze Reihe von Eddingstiften klemmten, damit er kreuz und quer im Land seine Anwesenheit markieren konnte – sowie einen 27-Liter-Eimer voller Lebensmittel.

Dann machte ich rüber.

 

Hinter dem Container war es im Arbeitsbereich tatsächlich still: Die Bagger schliefen, das Werkzeug lag auf alten Öltonnen, Jacken hingen an Nägeln in der Holzdachkonstruktion. Ein BBQ zeugte davon, dass wir im Süden waren. Louisiana, Land der Alligatoren und des Voodoo – Shoestrings Heimat vor langer Zeit, bevor die Straße diese Rolle übernommen hatte. Tuck wuchs in den Sümpfen auf, Shoestring in der Stadt.

 

Obwohl seine Sehkraft schon lange nicht mehr bei 100 Prozent lag, ging er zielstrebig auf eine Tür am dunklen Ende des Bereichs zu, öffnete sie und machte Licht. Es war die Toilette. Allerdings suchte er etwas ganz anderes als Erleichterung: Strom. Sein Handy war leer – ein Zustand, der für Shoestring nicht zu ertragen war –, und er legte eine der Dosen aus dem Toilettenhäuschen auf den Asphalt und steckte sein Ladekabel hinein, damit er weiterhin Maps, Facebook und die Wettervorhersage nutzen konnte.

 

Aus der Handwerkertasche kramte er seine Lesebrille hervor und setzte sie auf. In der Hocke saß er hinter einem kleinen Betonquader, das blaue Licht des Bildschirms erleuchtete das Kotelett zwischen dem grau-schwarzen Bart und seiner Kappe mit der Aufschrift “US”.

 

Auf der Landstraße fuhr immer mal wieder ein Auto vorbei, aber hinter dem Betonstück konnte uns das Licht ihrer Scheinwerfer nicht erfassen. Ich wollte mich gerade dranmachen, unsere Wasserflaschen aufzufüllen, da ging eine Nachricht auf Shoestrings Telefon ein. Wieder nahm er das Kotelett aus dem Mund, und in seiner ihm eigenen Mischung aus Texas Drawl, Arkansas Redneck und Cajun – nennen wir es mal Südstaatensingsang oder auch Schlappmaul – sagte er, der Scheiß sei so hart, dass man damit glatt einen Zug zum Entgleisen bringen könnte. In hohem Bogen schmiss er das Kotelett durch die laue Nacht.

 

Da er auf einem Ohr so gut wie taub war, kommunizierte er am liebsten über Sprachnachrichten, die aber gingen so schnell hin und her, dass es einem fast wie ein Telefongespräch vorkam.

Am anderen Ende war Ron, sein bester Freund, ebenfalls Streuner, Hobo. Er meldete sich aus Alaska.

 

“Wieso treffen wir uns nicht in Denver?”, fragte Ron. “Von dort könnten wir durch Nevada, die tollen Mülltonnen hinter dem Alberstons-Supermarkt in Elko klarmachen und dann durch die Wüste.”

“Was hast du bloß immer mit der Wüste?”

“Die Wüste ist doch wunderschön.”

“Aber es gibt in Nevada einen Haftbefehl gegen mich!”

“Und ich werde in Wyoming gesucht. Komm schon. Keiner sieht dich. Es ist die scheiß Wüste!”

“Ich will auf keinen Fall in den Knast.”

“Wie auch immer, meine Ausrüstung ist gepackt, und ich bin bereit.”

Shoestring überlegte kurz. “Okay, dann nehmen wir die KCS in den Norden und kreuzen dann von KCMO nach Denver.”

“Mann, ich kann's kaum abwarten!” Die beiden verabschiedeten sich voneinander, und Shoestring legte das Telefon auf den Boden zurück, damit es in Ruhe weiter laden konnte.

 

Die Kansas City Southern Line (KCS) verläuft, grob gesagt, von Mexiko über Kansas City, Missouri (KCMO), nach Chicago, Illinois. Ebenfalls eine Möglichkeit: von hier, Shreveport, weiter nach Westen fahren, via Texas, und dann hoch in den Norden, um sich mit Ron schließlich in der Hauptstadt Colorados, der Mile High City, zu treffen (seit Cannabis dort legalisiert wurde, hat der Beiname Denvers eine lustige Doppelbedeutung bekommen). Allerdings war erst vor ein paar Tagen ein besoffener Hobo auf einem Waggon ausgerutscht und vom Zug in zwei Hälften zerteilt worden. Seitdem war die Lage in der Gegend um Dallas brenzlig, too much heat, sagte Shoestring und meinte damit Sicherheitspersonal und Polizei. Dann fügte er lapidar hinzu: “Wir haben da eine Redewendung: Der Zug siebt auf natürliche Weise die Schwächlinge aus.”

 

Von den Gleisen hinter den Bäumen strahlte der kalte Schein von ein paar Flutlichtern herüber. Wir ließen unser Gepäck an der Toilette, die Telefone am Strom, und gingen über den Schotter zu den Gleisen. Auf der Main, dem Hauptgleis, kam ein IM zum Stehen. Ein Intermodal-Zug als Double-Stack, zwei aufeinandergepackte Schiffscontainer pro Flachwaggon. Er stand mit der Lok nach Westen, fuhr also Richtung Dallas. Die Container waren vielleicht in Baltimore, Washington, D. C., oder New York angekommen.

 

IMs rollen sehr geschmeidig auf den Gleisen, und im besten Falle bieten sie zwischen Container und Ende des Flachwaggons einen ausreichend großen Platz zum Verstecken. Shoestring mochte sie nicht. Die Container sind oft voller Konsumwaren und können leicht aufgebrochen werden, weswegen sie stärker überwacht werden als sogenannte Junk Trains – Züge, die gemischte Fracht wie Holz, Pellets und Getreide transportieren.

 

Wir kletterten die Leiter eines Flachwaggons hoch, querten die Plattform und stiegen auf der anderen Seite wieder runter. Ein ewig langer Güterbahnhof. Der Turm der Leitstelle war weit weg. Blick nach rechts, Blick nach links: niemand zu sehen. Vor uns stand nun ein Zug nur mit Ölwaggons. Ein ganz mieser Ritt, tauglich bloß im äußersten Notfall und bloß für Kurzstrecke. Auf der Plattform, eigentlich nur eine Katzenleiter, ist man zum einen viel zu sichtbar, und zum anderen muss man die ganze Zeit stehen.

 

Die Griffe waren schmierig. Ich trug Handschuhe. Shoestring nicht. Er wollte den Stahl fühlen. Trittsicher bewegte er sich über die schmalen Metallplanken.

Wir erreichten das dritte Gleis. Es war ein Uhr nachts. Plötzlich hatten wir den Strahl einer Taschenlampe im Gesicht.

 

Der Arbeiter mit der Taschenlampe stieg von seiner Honda, einer Art Quad, mit dem man gut auf den kleinen Pisten an den Zügen entlangbrettern kann. Er trug eine Weste in Neon-Orange, einen Sicherheitshelm sowie einen Schnauzer, der so breit war wie ein Motorradlenker.

 

“Guten Abend, Sir”, sagte Shoestring.

Der Arbeiter baute sich vor uns auf. “Was macht ihr hier?”

Shoestring deutete auf die Gleise neben sich. “Sind die heiß?” Er wollte wissen, ob sie in Betrieb waren, und gleichzeitig dem Arbeiter zu verstehen geben, dass er es mit jemandem zu tun hatte, der wusste, was er tat, der sich nicht umbringen würde wie der Junge in Dallas.

Der Arbeiter schaute uns abwechselnd an. Wir waren weder betrunken noch breit. Er entspannte sich. “Wir sind nur zu dritt heute Nacht. Tote Hose.”

 

“Verstehe”, sagte Shoestring. “Wir sind unterwegs nach KC über Pittsburg. Wissen Sie möglicherweise, wann einer in die Richtung fährt?”

 

Angesicht zu Angesicht mit einem Bahnarbeiter zu stehen kann für einen kleinen Panikschub sorgen. Einige Arbeiter helfen den Hobos allerdings. Solange man höflich ist, sie respektvoll behandelt und vor allem nicht betrunken über Zug und Gleise torkelt. Die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber hält sich da in Grenzen: immer geringere Löhne, mehr Arbeit, weniger Pausen. Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall. Allerdings dürfen die Arbeiter einen nicht festhalten, müssen den Yard Bull, den Sicherheitsmann beziehungsweise den Eisenbahnpolizisten, oder gleich den Sheriff rufen. Im besten Falle ist man bei deren Ankunft wieder über alle Berge. Es kommt auch darauf an, um welche Eisenbahngesellschaft es geht. Die einen sind toleranter, die anderen strikt. Die ehemalige Norfolk Southern zum Beispiel, die mittlerweile in BNSF Railway aufgegangen ist, war auch unter dem Spitznamen Nazi Southern bekannt.

 

“Moment mal!”, sagte der Arbeiter. “Ich habe dich doch schon mal gesehen, oder?” Er fuhr mit der Taschenlampe hoch, leuchtete aber am Gesicht von Shoestring vorbei, sodass der Kegel die dunkle Wand eines Petroleumwagens traf. “Scheiße, Mann! Du bist Shoelace!”

“Shoestring.”

“Genau, genau. Du machst doch diese Videos auf Facebook. Die sind großartig, ich glaube, ich habe jedes gesehen.”

“Das ist sehr nett, Sir. Bin seit 1994 auf den Gleisen unterwegs. Der Zug hat mich nie enttäuscht.”

“Wahnsinn. Wenn ich das meinen Kollegen erzähle. Ein waschechter Hobo!” Der Arbeiter stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte seinen Kopf.

 

Seit 1994 … Da war Bill Clinton gerade mal ein Jahr im Amt, das Internet steckte in den Kinderschuhen, Handys waren so groß wie Backsteine. Es folgten Bush Junior, der 11. September, Afghanistankrieg, Irakkrieg, der Crash 2008, der erste Schwarze als Präsident der Vereinigten Staaten, schließlich auch noch der erste Immobilienmakler – und die ganze Zeit fuhr dieser Mann Güterzüge, überlebte mindestens vier Entgleisungen, Knast und Intensivstation, verlor weder Finger noch Zeh, fast so, als würden ihm die Gleise Amtszeit um Amtszeit gönnen.

Das Funkgerät des Arbeiters kratzte. “Ich muss los”, meinte er, gab uns aber noch ein paar Flaschen Wasser aus dem Heck seiner Honda. “Ich sag euch was. Heute Nacht passiert höchstwahrscheinlich nichts mehr. Wir bauen noch ein paar zusammen, aber die bleiben alle stehen. Morgen Abend, Gleis vier, wenn ich mich recht erinnere. Das ist euer Zug.” Er stieg auf die Honda und blendete auf.

 

“Vielen Dank, Sir”, Shoestring beugte sich kaum merklich mit dem Oberkörper vor, “das war sehr freundlich.”

“Keine Ursache”, sagte der Arbeiter und wiederholte: “Shoestring, Mann, wenn ich das meinen Kollegen erzähle …”

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