Tel Aviv – Berlin

Geschichten von tausendundeiner STraße

 

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Eine Reise von Tel Aviv nach Berlin, mit einem alten Stahlrad für 90 Euro, ohne Training, ohne Vorbereitung. 5000 Kilometer durch Nahost, den Balkan und Osteuropa. Auf seiner Fahrt durch blühende und vernarbte Landschaften sammelt er die Geschichten der Bewohner mit über vierzig Konfessionen ein - manchmal lachend, manchmal verzweifelnd, immer mit Gespür für politische und geschichtliche Hintergründe. Er übersteht Überfälle, Nahtoderlebnisse, und trifft am Wegesrand unvergessliche Menschen.

 

 

„…Gareis hat einen Ton der Wahrhaftigkeit gefunden, der im Journalismus und auch in der Literatur von heute eine Seltenheit ist. Wenn das das Resultat seiner Reise zu sich selbst ist, sind wir als Leser die glücklichen Nutznießer seiner Geschichten von tausendundeiner Straße.“
Jüdische Allgemeine

 

„Ein Roadmovie mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit.“

Die Zeit

 

„Zusammen ergeben die Begegnungen ein anschauliches Bild vom Zustand in Nahost und Europa. Denn Gareis hat ein ganz gutes Sensorium für die Befindlichkeiten der Menschen.“

Süddeutsche Zeitung

Leseprobe

Schlaflose Nächte in den letzten Tagen. Geträumt von wilden Hunden, geplatzten Reifen und Überfällen in der einsamen Wüste. Ich habe ein bisschen Angst vor der ganzen Sache.

 

Doch jetzt stehe ich hier, in Tel Aviv am Strand bei 25 Grad, und umarme meine Freundin. Ich drücke ihr die Luft aus dem schmalen Körper und verstecke meine Nase in ihren blonden Haaren.

Sie weint ein wenig, mein Herz klopft, und vor mir liegen etwa 5000 Kilometer mit dem Rad nach Berlin. Zumindest haben das meine amateurhaften Berechnungen ergeben.

 

Zwischen all den Menschen, die Bier trinken, Strandball spielen, sich in der Sonne aalen und lachen, steige ich auf mein mit fünf Taschen bepacktes Rad – und sage einfach Tschüss.

Als würden wir uns morgen, spätestens übermorgen wiedersehen.

 

Das ist dieser erste sprichwörtliche Schritt. Hoch auf den Ledersattel, der sich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten meinem Arsch anpassen wird. Hoffentlich.

 

Mein Rad fühlt sich schwer an unter mir. Es ist ein solides Teil aus Stahl mit zwölf Gängen, noch gebaut in Westdeutschland. Die Kette, die Reifen – alles noch original, also mehr als 20 Jahre alt. Dafür hat es nur 90 Euro gekostet. Ich habe es auf eBay geschossen. Ich muss mich erst noch dran gewöhnen, navigiere es wie einen schweren Tanker durch das sanft dahinwogende Meer aus Menschen, ihre mediterrane Bräune leuchtet im hellen Schein der Januarsonne.

 

Wenn das Meir Dizengoff, der erste Bürgermeister Tel Avivs sehen könnte, diesen puren Hedonismus, diese friedvolle Strandbesatzung. Der wollte nämlich das Gelände am liebsten industriell erschließen. Weil er sich nicht vorstellen konnte, warum Juden Interesse am Baden zeigen sollten. Der Journalist Scholem Asch hingegen schrieb 1937: „Jeder Jude hat zwei Bitten an Gott: einen Platz im Paradies im Jenseits – und im Diesseits einen Platz am Strand von Tel Aviv.“ Die Stadt als leuchtender Gegenentwurf zu den grauen und ärmlichen Schteteln im östlichen Europa.

 

Tel Aviv, der „Frühlingshügel“, ist gerade mal 104 Jahre alt. Israelis nennen die Stadt mit ihrer 24-Stunden-Kultur auch gerne The Bubble, die Blase. Weil du hier alle Sorgen vergessen kannst. Der Strand ist 14 Kilometer lang, die Biergläser sind immer voll und eiskalt, die Frauen filmhaft schön, die Nächte feucht und dampfend.

 

Über mir fliegen die Kampfhubschrauber Richtung Gaza. Es sind gerade mal 60 Kilometer dorthin, und doch ist es Welten entfernt. In Tel Aviv ist man hedonistisch liberal, gerade weil die Konflikte in der Region gefühlt so weit weg sind. Während die Linken am Strand zu Bronzestatuen werden, Volleyball spielen oder das neueste Restaurant belagern, betreiben die Rechten in Jerusalem knallharte Politik, rühren die Trommeln gegen die Flüchtlinge aus Afrika, gegen die Palästinenser, gegen den Iran.

 

Theoretisch könnte ich diese wundervolle Küste immer Richtung Norden entlangfahren, durch den Libanon, durch Syrien, und ratz, fatz wäre ich schon in der Türkei.

 

Theoretisch. Alles nicht so leicht im Nahen Osten. Grenzen sind hier noch echte Hindernisse.

Ich fahre vorbei an den Segelbooten in der Marina, den ganzen Restaurants. Denke nur: shit shit shit. Weil mir klar wird, dass ich nicht morgen und auch nicht übermorgen zurück sein werde. Weil das nur die ersten Pedaltritte von Millionen sind. Weil ich mich frage, wann ich meine Freundin wiedersehen werde. Werde ich sie überhaupt wiedersehen? Die Region ist nicht gerade bekannt für ihre rücksichtsvollen Autofahrer.

 

Links schwappt das Meer sanft an den Strand, rechts in den Gassen zwischen den Häusern regieren die Katzen, ganze Banden marodieren durch die Straßen, mit vernarbten Gesichtern, abgebissenen Ohren, lahmen Beinen. Abends warten sie an den Ecken auf die alten Frauen, die in der Dunkelheit, damit sie keiner dabei erwischt, kleine Türmchen aus Trockenfutter auf dem Bürgersteig errichten. Tel Aviv riecht salzig nach Meer und sauer nach Katzenpisse.

 

Im Norden der Stadt biege ich auf den Radweg am Yarkon-Fluss ab, fahre unter den Kronen von Platanen und Eukalyptusbäumen entlang, atme die Luft dieser grünen Lungen, die um diese Jahreszeit noch frisch ist. Der Fluss liegt faul in seinem Bett, ein türkisgrünes Eldorado für Moskitos. Im Altertum war der Yarkon die Grenze zwischen den Stämmen Ephraim und Dan, zwei von den zwölfen, aus denen sich Jahwes auserwähltes Volk zusammensetzte. Jetzt führt er mich aus der „Weißen Stadt“. Der Name kommt von den etwa 4000 Gebäuden im Bauhausstil. Schüler von Gropius und Mies van der Rohe flohen vor den Nazis und ließen hier in der neuen Heimat ihre Ideen von Aufbruch, Modernität und Weltbürgertum in die Architektur Tel Avivs einfließen.

Immer am Fluss entlang, raus aus diesem Großstadtknäuel, in dem 42 Prozent der israelischen Bevölkerung leben, lieben und sterben.

 

Nach zehn Kilometern muss ich zum ersten Mal nach dem Weg fragen. Das fängt ja gut an. Aber ich habe mir vorgenommen mich nur nach Karten zu orientieren. Keinen Reiseführer mitzunehmen. Denn seien wir doch ehrlich, so ein Reiseführer dient doch nur dazu, Überraschungen zu vermeiden. Ständig bist du dabei, die Meinung des Autors zu verifizieren oder zu beweisen, dass er keinen blassen Schimmer hat.

 

Ich breite meine Karte auf der Lenkertasche aus. Frage eine junge Familie. Bekomme vom herumspringenden Sohn eine Gegenfrage: „Bist du einer von denen, die um die Welt fahren?“

„Nein, nur nach Deutschland.“

 

Seine Mutter, die Augen geschützt hinter einer Sonnenbrille, will wissen: „Wird das nicht langweilig werden?“

 

Tja, wenn ich das wüsste. Komisch, über dieses Thema zu reden, wo ich gerade mal zehn Kilometer hinter mir habe. Fühle mich wie ein Hochstapler, einer, der eigentlich noch nicht über seine Reise reden dürfte. Ich könnte ja noch abbrechen und zurück zu meiner Freundin fahren.

Ich will es langsam angehen lassen, will mich langsam steigern. Ich habe nicht trainiert. Ich will schmutzig sein, durchgeschwitzt und angepisst vom Gegenwind. Ich will, dass das Rad kaputtgeht. Will abends eine Kippe rauchen, einen Schnaps aus dem Flachmann trinken und erschöpft einschlafen. Aber versuch das mal deiner Mutter zu erklären. Holla, die Waldfee. „Junge, du bist doch bescheuert, wieso fliegst du denn nicht?“

 

….

 

Frisch frisiert und rasiert, fahre ich zweit Tage später aus der Stadt Nablus im Westjordanland. Es geht bergab, und ich fliege ein bisschen durch dieses umkämpfte Land, genieße die Blicke der Autofahrer, die wegen mir fast Unfälle bauen. Wenn ich diese Gesichtsausdrücke doch nur fotografieren könnte.

 

Lasse das Balata-Flüchtlingscamp hinter mir, in dem viele der 30 000 Palästinenser immer noch glauben, dass sie eines Tages auf die alten Grundstücke zurückdürfen, die bis 1948 ihnen oder ihren Familien gehörten, überwiegend in und um Jaffa. Einige haben immer noch den Schlüssel zu ihren Häusern, einige hoffen, dass das Gestern wieder das Heute und das Morgen wird. „Einritzen will ich die Nummer jeder Parzelle unseres Bodens, der enteignet wurde”, schreibt der Dichter Taufik Sujjad. „Die Lage meines Dorfes und seiner Gemarkung, die Häuser seiner Bewohner, die gesprengt, meine Bäume, die entwurzelt, jede kleine Feldblume, die zertreten wurde, um nicht zu vergessen. Und weiter ritzen will ich jede Phase meines Verhängnisses, alles Kleine, alles Große, in den Stamm eines Ölbaums im Hof des Hauses.“

 

Kurz vor der Tappuah Junction, der so idyllisch nach einem Apfel genannten Kreuzung, die in Wirklichkeit ein Verkehrsknotenpunkt zwischen Siedler- und Palästinensergebiet ist, geht es steil hoch. Diese Scheißschieberei geht mir echt auf den Sack, wie lange wird das wohl so weitergehen? Im Moment kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, solche Anstiege mit meinem Tretpanzer zu fahren. Diese Tour-de-France-Typen sollen ja auch ziemlich gedopt sein, habe ich gehört.

 

Von einem Bergrücken winken mir Kinder, sie hüten eine Herde Ziegen. Rufen zu mir herüber. Ich winke zurück, frage mich, was sie wohl denken von diesem Typen, der nur ein Fahrrad hat, mit dem er sein ganzes Gepäck transportieren muss. Wahrscheinlich: Armer Hund.

 

Habe die Hitze ein bisschen unterschätzt. Die Sonne brennt mir auf die Platte, mein Mund ist so trocken wie die Straße. Bin eine mobile Schwitzhütte. Keuche den Berg hoch.

 

Mit im Hals schlagenden Herzen komme ich am Huwwara-Checkpoint an, bis vor Kurzem ein berüchtigter Kontrollpunkt mit ewigen Warteschlangen. Die Soldaten in ihren olivgrünen Uniformen winken die Autos durch, aber als sie mich sehen, greifen sie sofort zum Funkgerät, und ich stelle mir vor, wie sie reinflüstern: „Commander, wir haben hier ein UFO.“

„Was?“

„Ein unbekanntes Fahrobjekt.“

 

Zwei lösen sich vom Wachhäuschen und signalisieren mir mit der Hand in der Luft anzuhalten. In sicherer Entfernung (für sie) stehen zu bleiben. Könnte ja sein, dass mein Radtaschen voller Bomben sind.

 

„Wo kommst du her?“, fragen sie aus fünf Metern Entfernung, und ich sehe ihre Gesichter, glatt, geschmeidig, ohne die Andeutung auch nur einer Falte.

„Aus Nablus.“

„Aha. Warum?“

„Ich wollte Knafe essen.“

„Knafe? In Nablus? Wozu?“ Die beiden schauen sich an. „Wir haben viel besseres Knafe in Tel Aviv!“

„Ach, hört doch auf“, sage ich. „Jeder weiß, dass es hier das beste Knafe gibt.“

Sie schütteln ihre helmbewehrten Köpfe, als wäre ich ein bemitleidenswerter Irrer. Wahrscheinlich denken sie: Palästinensersympathisant.

 

„Und wohin jetzt?“

„Nach Jerusalem und dann nach Deutschland.“

 

Die beiden schwer bewaffneten Jünglinge schauen mich von oben bis unten an, dann reckt der eine das Kinn nach oben und sagt: „Und jetzt hast du schon keine Kraft mehr, oder was?“

Okay, touché. Jetzt sind wir quitt.

 

Wollt ihr in die Taschen schauen? Meinen Pass sehen?“

Die beiden blicken mich an, dann sich, winken ab mit einer Geste, die mir zu verstehen gibt: Was für ein Depp, und sagen: „Just go.“

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